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Gewerkschaft und Zirkus

Arbeit ohne Netz und doppelten Boden

Text zum 01.Mai von Malte Peter in Zusammenarbeit mit Roxana Küwen

Eine Kranken- oder Haftpflichtversicherung zu besitzen erscheint für die meisten Menschen überaus logisch und sinnvoll. Sollte sich unser Gesundheitszustand einmal verschlechtern oder sollten wir ungeschickterweise einmal Schaden am Eigentum anderer verursachen, sind wir alle glücklich auf die fachliche Expertise und Beratung solcher Versicherungen zurückgreifen zu können. Vor allen Dingen sind wir froh, die Kosten zur Behebung dieser Probleme nicht alleine tragen zu müssen. Gerade beim Besuch einer Arztpraxis auf Grund von Krankheit freuen wir uns, die Krankenkassenkarte und nicht die Kreditkarte zücken zu können.

Umso fraglicher erscheint es jedoch, dass sich gerade Kulturschaffende und vor allem wir Zirkusschaffende bislang wenig um den “gesunden” Zustand unserer Arbeitsbedingungen und unseres Arbeitsrechts kümmern. In Krisenzeiten wie diesen, wo unsere ohnehin schon prekären Arbeitsbedingungen sich immer weiter verschlechtern werden und Verträge, sollten diese überhaupt abgeschlossen sein, mit teilweise fragwürdigen Argumenten abgesagt werden, wünschen wir uns fachliche Expertise und eine gute Rechtsberatung an unserer Seite. Eine solche Organisation, deren Aufgabe es ist, sich genau mit solchen Belangen zu befassen und die auch explizit für Artisten und Zirkuskünstler*innen zugänglich ist, existiert.

Das ist die Gewerkschaft. In diesem Falle die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di) mit dem Fachbereich 8 Kunst & Kultur. (darstellende-kunst.verdi.de) Schon 1901 erkannte die Internationale Artistenloge (IAL), die Notwendigkeit, sich solidarisch zu organisieren und für die Rechte von Zirkus- und Varietéartisten einzutreten. So erreichte sie, dass am 22. Oktober 1919 das Reichsarbeitsministerium einen Circustarifvertrag für verbindlich erklärte bzw.unter der Leitung von Gründungspräsident Max Buldermann erfolgreich Streiks zur Einhaltung dieser organisiert wurden. Die Nationalsozialisten, denen eine solche Form der gewerkschaftlich Organisation und der kritischen Auseinandersetzung mit ihrer faschistischen Weltsicht ein Dorn im Auge waren, stellten diese, wie alle Formen der demokratischen Meinungsbildung, gleich.

Davon sind wir zwar aktuell entfernt, aber gerade in Krisenzeiten oder Zeiten der politischen Ungewissheit sind diese Grundpfeiler unserer Gesellschaft, wie demokratische Parteien, Gewerkschaften oder politische NGO’s ein Muss für solidarischen Zusammenhalt und gelebten politischen Aktivismus. Ähnlich wie die Einzahlung in eine Kasse, die uns bei Eigentumsschäden schützt und unterstützt, hilft uns die Gewerkschaft für den Schutz und die Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen. Wie eine Krankenversicherung zahlt sich auch die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft schnell aus. Selbst wenn der branchenübliche Monatsbeitrag von 15,12€ auf den ersten Blick viel erscheinen mag, ist dieser kleine Obolus doch erträglicher als evtl. Anwaltskosten, sollte euer Fall doch vor dem Arbeitsgericht landen. Wer schon einmal über komplizierten Werkverträgen gegrübelt hat und sich fragen musste, ob diese denn auch wirklich juristisch in Ordnung sind oder nicht wusste, wie mit der Absage von Aufträgen umzugehen sei oder die Stimme für eine Verbesserung von Gehälter erhoben hat, muss sich vielleicht unsicher wie auf einem Hochseil gefühlt haben. Und gerade diesen kulturpolitischen Drahtseilakt, mit Beratung zu komplexen Rechtsfragen, Tarifverhandlungen, dem juristischem Einfordern unserer Arbeitsrechte und ggf. der politischen Lobbyarbeit oder dem politischen Protest müssen wir im Zirkus nicht alleine begehen. Vor allem sollten wir diesen nicht ohne Sicherung sowie Netz und doppelten Boden bewältigen. Gewerkschaften haben dieses Aufspannen von Hilfen und die Unterstützung über Jahrzehnte erprobt und wissen, wie sie uns schützen können, unser Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und somit den Boden wieder unter unseren Füßen zu erlangen ohne, im wahrsten Sinne des Wortes, abzustürzen.

In Zeiten wo wir als Zirkusschaffende gezwungenermaßen nicht wie gewohnt unserer Arbeit nachgehen können und Existenzen bedroht sind, scheint es wirklich manchmal so, als hätten
wir den Boden unter den Füßen verloren. Daher mag ein solcher Text am 1. Mai, den Tag der Arbeit, mit dem Hinweis und der Notwendigkeit einer Gewerkschaft beizutreten, symbolhaft wirken. Aber nicht symbolhafter, als der Hinweis am 7. April, dem Weltgesundheitstag, dass eine Krankenversicherung ebenfalls als sinnvoll zu betrachten ist.

Neben den ökonomischen und ideellen Beweggründen ist diese Form der politischen Beteiligung m. E. für die Zukunft des Zirkus und die sozialpolitische Wahrnehmung seiner Beteiligten ein hilfreiches Organ und notwendig, wollen wir die gesamte Bandbreite des kulturpolitischen Handlungsspektrum ausnutzen. Es erscheint doch nur sinnvoll, Hilfe da anzunehmen, wo wir sie bekommen können, denn diese Aufgaben lassen sich am Besten gemeinschaftlich und mit den nötigen Kompetenzen bewältigen. Auch wenn wir an diesem besonderen Tag der Arbeit nicht als Zirkusschaffende arbeiten können, können wir ein Zeichen setzen, dass wir unsere Arbeit auch für die Zukunft bewahren wollen und uns diese auch künftig wichtig ist.

Den gerade jetzt heißt es: “Fight For Your Rights BecauseThe Show Must Go On”

Malte Peter

Hannover 01.05.2020

P.S.: Ich bedanke mich ganz herzlich bei Roxana Küwen, durch die ein produktiver Austausch die Idee zu diesem Text lieferte und mit der ich gemeinsame eine digitale 01. Mai Kundgebung für Zirkusschaffende organisiert habe.

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