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Folgen der Corona-Pandemie für die deutsche zeitgenössische Zirkusszene

Der Zeitgenössische Zirkus ist wie alle Kunstsparten existentiell von den Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung der weltweiten Corona-Krise betroffen. Als assoziiertes Mitglied im BFDK und der Allianz der Freien Künste unterstützen wir aktiv die dort erarbeiteten Forderungen, um die Situation aller freien Kulturschaffenden zu verbessern. Als Bundesverband möchten wir den kulturpolitischen Apell durch spezifische Forderungen der Branche Zeitgenössischer Zirkus ergänzen.

Die nachfolgend formulierten Forderungen basieren auf einer bundesweiten Umfrage verschiedener Akteur*innen der Zirkusszene, die der Ermittlung von Auftritts- und Verdienstausfällen diente.

  1. Umfrage

Die Umfrage wurde im Zeitraum vom 25.03. bis 05.04.2020 durchgeführt und über E-Mail und Social Media verbreitet. Die Zahlen basieren auf 86 Antworten und wurden hochgerechnet entsprechend der Angaben in der Studie “The situation of circus in the EU Member States, EU 2020”. Wir haben die Verdienstausfälle in den Zeiträumen 11. März – 19. April 2020 und 20. April – 31.Mai 2020 abgefragt. Zirkusschulen (Hobby- und berufsbildende) wurden in der Erhebung nicht erfasst.

Profil der Befragten
Neben Einzelkünstlerinnen und Duos, die über 80% der Szene bilden sind Künstlerkollektive/Kompanie, Veranstalterinnen (5,9%), Produzentinnen (4,6%) und Agentinnen/Managerinnen (2,4%) in der Umfrage repräsentiert. Größere Strukturen mit über 8 Mitarbeiterinnen sind eine Minderheit (4%). Bei ihnen handelt es sich um Veranstaltungsorte, die zeitgenössischen Zirkus programmieren. Die Mehrheit der Befragten ist in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg
ansässig.

Die Sparte Zeitgenössischen Zirkus ist nur ein Teil der deutschen Kulturlandschaft, die Größe der Szene ist vergleichbar mit der des Theaters im Öffentlichen Raum. Aber es ist eine Sparte, die immer mehr an Präsenz gewinnt und als Wirtschaftsfaktor eine große Rolle spielt!

Ergebnisse

Auskünfte zu abgesagten Veranstaltungen und Einnahmeausfällen von Künstler*innen und anderen Akteur*innen und deren Folgen:

  • Wir rechnen in der Sparte zeitgenössischer Zirkus mit über 22 Mio. Euro an Einnahmeverlusten für Selbständige/Künstler*innen, Kompanien, Veranstalter*innen (Spielstätte/Festivals), Produzent*innen und Agent*innen.
  • Die Mehrheit der abgesagten Veranstaltungen sind geplante Auftritte (über 70%) aber auch Festivals, Tourneen, Proben/ Residenzen/ Kreation, Unterricht/Workshops und Projekte mit (Schul-) Kindern.
  • 99% der Zeitgenössischen Zirkuskünstler*innen erwirtschaften ihren Lebensunterhalt als Soloselbständige über freie Projekte und verschiedene Auftraggeber.
  • 19,5 % der befragten Künstler*innen können auf Absicherungen durch öffentliche Fördergelder zurückgreifen.

Anmerkungen:
Im Unterschied zu anderen Sparten der Darstellenden Künste arbeiten diese Künstler*innen ausschließlich innerhalb der freien Szene. Sie haben keinen Zugang zu öffentlichen Institutionen wie staatlichen Theater mit eigenen Produktionsstrukturen und Angestelltenverhältnissen. Da der Zeitgenössische Zirkus bisher selten oder wenige öffentliche Fördermittel erhält, werden Produktionen und Veranstaltungen häufig aus privaten Mitteln finanziert und das unternehmerische Risiko liegt vollständig bei den Künstlerinnen bzw. den Kompanien.

Seit dem Lockdown haben diese Künstler*innen gar keine Einnahmemöglichkeiten mehr und unterliegen sozusagen einem Berufsverbot!

Auch das Angebot von digitalen Workshops kommt für viele Zirkuskünstler*innen nicht in Frage, da die Requisiten des Zirkus besonderer Räume benötigen (Luftartistik, Cyr-Wheel, Jonglage, …). Residenz werden abgesagt, Kreationszeiten verschoben und laufende Produktionen gestoppt. Für einige wird die berufliche Existenz komplett in Frage gestellt. Dazu kommt eine erhöhte psychischen Belastung, die Künstlerinnen momentan erleben, denn sie verlieren nicht nur ihren Lebensunterhalt, sondern auch jegliche Perspektiven.

Wir fordern eine Soforthilfe, bei der persönliche Lebenshaltungskosten geltend gemacht werden können!

Darüber hinaus ist es uns wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht alle Akteur*innen der Sparte Zeitgenössischer Zirkus als Künstler*innen aktiv sind. Die solo-selbstständigen Kunstschaffenden wie Veranstalter*innen, Produzent*innen, Agent*innen und Manager*innen sind häufig kein Mitglied in der Künstlersozialkasse (KSK).

Wir fordern, dass die Mitgliedschaft in der KSK bei der Gewährung von individuellen Hilfen nur ein Kriterium unter mehreren ist.

2. Langfristige Folgen der aktuellen Anordnungen

Schließung von Veranstaltungshäusern

Die Schließung von Veranstaltungsorten führt bei den angestellten Mitarbeiter*innen in der Verwaltung zu Kurzarbeit und bei den freiberuflichen Mitarbeiter*innen zur drastischen Reduzierung bzw. zum Totalausfall von Aufträgen. Ausgaben und Aufträge an andere Wirtschaftszweige wurden reduziert und häufig gestoppt (z.B. Werbung, Handwerker, etc.). Einnahmequellen sind inexistent seit dem Moment als der Kartenverkauf stoppte, der nunmehr komplett zum Erliegen gekommen ist. Insbesondere kleinen Häusern, Vereinen und privat getragenen Initiativen fehlen Rücklagen, die sie durch diese Krise retten könnten. Durch die finanzielle Extremsituation können die Produktionskostenvorschüsse für Folgeproduktionen nicht gezahlt werden, wodurch die Umsetzung gefährdet ist und die nächste Spielzeit eines Veranstaltungsorts auf der Kippe steht.

Die Überlebensfähigkeit von sowohl privaten als auch von staatlich unterstützen Veranstaltungsorten muss bis zu ihrer Wiedereröffnung durch eine Übernahme ihrer Betriebskosten von Bundesseite gesichert werden, damit die Bühnen überleben und die Zirkusartist*innen nach der Wiedereröffnung wieder auftreten können und wieder Einnahmen generieren können. Nur so kann das kulturelle Leben in Deutschland in seiner ganzen Breite und seinen verschiedenen Ausprägungen gesichert werden.

Lebenszyklen von Zirkus-Stücken und Saisonalität

Im Zeitgenössischen Zirkus wird in der Regel für eine längere Tour produziert. Das Repertoire ist über einen längeren Zeitraum für das Publikum zugänglich. Aktuell erfahren neue Stücke erhebliche Anlaufschwierigkeiten und müssen eventuell eingestellt werden, bevor sie sich auch nur ansatzweise amortisiert haben, was die Akteur*innen vor
existenzielle Schwierigkeiten stellt.

Die Saisonalität der Spielzeiten ist eine weitere Besonderheit des zeitgenössischen Zirkus. Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen, dass die Einnahmeverluste im März/April noch nicht so hoch sind, wie sie es im Mai und den folgenden Sommermonaten sein werden. Die Hauptsaison ist der Sommer. Der größte Teil der Einnahmen wird zu dieser Jahreszeit verdient, weshalb die Absage größere Veranstaltungen bis zum Ende August besonders dramatisch für Zirkuskünstler*innen ist.

Der Sommer ist aufgrund vieler Festivals die Hauptsaison für viele Zirkuskünstler*innen und ihre Stücke. Der Wegfall einer kompletten Saison führt zur dramatischen existentiellen Krise.

Internationalität

Die Zirkusszene ist von der Schließung der Grenzen stark beeinträchtigt, weil die Stücke meistens international touren. Die meisten Bühnen und Auftrittsmöglichkeiten für den deutschen Zeitgenössischen Zirkus befinden sich im Ausland. Auch um sich professionell ausbilden zu lassen, geht die Mehrzahl der deutschen Artist*innen ins Ausland, weil das Angebot hierzulande ungenügend ist. Viele deutsche Künstler*innen schließen sich nach der Ausbildung Kompanie an, die aus Künstler*innen von unterschiedlichen Nationalitäten bestehen. Weil der zeitgenössische Zirkus transnational und multikulturell ist, bestehen aktuell enorme Schwierigkeiten zu proben, zu kreieren und zu produzieren.

Durch die Einschränkung der Reisefreiheit ist das internationale Arbeiten und das Touren unmöglich. Dem Zeitgenössischen Zirkus fällt der Hauptanteil seines Marktes und seiner Bühnen weg.

Vernetzung und Vermarktung

Festivals und Veranstaltungen spielen eine wichtige Rolle für die Vernetzung der Künstler*innen aber auch für die Vermarktung und Verkauf der Stücke. Diese Möglichkeiten sowie die Werbung durch Mundpropaganda fallen seit der Corona-Krise aus. Das Touring-Jahr 2020 entfällt durch die Absagen fast komplett, aber auch 2021 ist stark gefährdet, weil Veranstalterinnen die Stücke nicht live sehen können und
entsprechend nicht buchen.

Es ist zudem ein Trend erkennbar, dass Festivals und Veranstalter auch über 2020 hinaus auf einheimische Arbeiten zurückgreifen aus Angst, eine erneute Reisewarnung könnte auch die nächste Saison gefährden.

Die Effekte der derzeitigen Krise werden sich auch auf die Jahre 2021 und 2022 ausdehnen und lassen langfristige Schäden für Zirkusschaffende entstehen.

Trainingsrückstand und Verletzungsrisiko

Zeitgenössischer Zirkus hat besondere Raumbedürfnisse (z.B. Deckenhöhe, Hänge- und Bodenpunkte) und besondere Requisiten (Luftartistik, Jonglage, etc.), die das Training zu Hause erschweren. Aktuell können die meisten Artist*innen nicht oder nur teilweise trainieren. Es ist dringend notwendig, dass die Artist*innen einen Zugang zu Trainingsorten bekommen. Aktuell besteht die Gefahr eines Trainingsrückstands und Fitnessverlusts, was die Qualität der Bewegungen beeinflusst und das Verletzungsrisiko erhöht.

Zur Sicherung ihrer Arbeitsfähigkeit benötigen Zirkuskünstler*innen Zugang zu Trainingsräumen. Es gibt viele Ansätze, dass dies unter Einhaltung der momentan gegebenen Hygienestandards erfolgen kann.

Appell

Die Künstler*innen des zeitgenössischen Zirkus sind daran gewöhnt, kreative Lösungen zu finden und aus wenigen Mitteln Großes zu schaffen. Aber die aktuelle Situation ist von zu vielen existentiellen Fragen und Unsicherheiten geprägt, um weiter zu machen und die Zukunft planen zu können.

Wir rufen die Kulturpolitiker*innen auf, der Szene Überlebensperspektiven aufzuzeigen!

Dafür sind geeignete Hilfen vom Staat nötig. Wir unterstützen die Forderungen der Allianz der Freien Künste, im Rahmen der Soforthilfen von Bund und Ländern persönliche Lebenshaltungskosten geltend machen zu können. Wir stimmen der Allianz außerdem zu, dass die Grundsicherung für die Mehrheit der Akteur*innen im Zeitgenössischen Zirkus nicht das passende Instrument zur Existenzsicherung ist. Im Hinblick auf die bereits jetzt drohenden finanziellen Engpässe bei der kommunalen Versorgung und der nicht absehbaren Dauer des Lockdowns befürworten wir vom
BUZZ außerdem die Einrichtung eines Kulturinfrastrukturfonds wie ihn der Deutsche Kulturrat in die Diskussion bringt, bei dem die Sparte Zeitgenössischer Zirkus mit ihren spezifischen Bedarfen und Bedingungen mitgedacht wird.

Für uns als Bundesverband sind darüber hinaus Hilfen für Veranstaltungsorte extrem wichtig.
Wir fordern Unterstützungen bei Liquiditätsengpässen und die Übernahme der Betriebskosten für die Veranstaltungsorte bis zur Wiedereröffnung, insbesondere für die privatwirtschaftlichen Häuser, die existenzgefährdet sind.

Diese Häuser sind ein wichtiger Bestandteil des deutschen Zeitgenössischen Zirkus, denn sie unterstützen die Produktion von Stücken als Kooperationspartner, bieten Auftrittsmöglichkeiten und den Zirkuskünstler*innen Residenzprogrammen. Ohne ihre Unterstützung fällt ein wesentlicher Pfeiler bei der Weiterentwicklung der aufkeimenden Kunstform weg – ein Pfeiler, der bisher unabhängig von den wenigen öffentlichen Fördergeldern für die Sparte existent war.

Darüber hinaus ist es für die Szene der Zirkusschaffenden notwendig umgehend Klarheit darüber zu schaffen, was unter „Großveranstaltungen“ zu verstehen ist, welche Einrichtungen darunterfallen und unter welchen Vorgaben, Abstandsregelungen und Hygiene-vorschriften der Spiel-, Festival und Eventbetrieb wieder anlaufen kann.

Wir vom Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus wünschen uns, dass die zukunftsträchtige Kunstform Zeitgenössischer Zirkus durch die Coronakrise und die daraus zu erwartenden finanziellen Folgen keinen fatalen Schaden nimmt und sich als Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses weiterentwickeln kann.

Berlin, den 30.04.2020

Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus e.V.
vertreten durch Jenny Patschovsky (1. Vorsitzende) und Cox Ahlers (2. Vorsitzende)
Redaktion: Alice Greenhill, Alexandra Henn, Jenny Patschovsky
Datenauswertung: Sophia Kurmann

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